Buchtipp: “Unter Beschuss”
Jan 29th, 2010 | By Thomas M. Schreiter | Category: LeitartikelGestern erhielt ich mein Exemplar des Buches:
“Unter Beschuss- Warum Deutschland in Afghanistan scheitert” von Marc Lindemann
Da schreibt einer nicht vom gepolsterten Sessel aus, sondern einer, der als Soldat mehrmals in Afghanistan war.
Nachrichtenoffizier, Politologe, also einer, der Einblicke bekam und der es versteht, mit diesem schwierigen Stoff umzugehen.
Während Kleingeister und Möchtegern-Strategen in Untersuchungsausschüssen ihr Halbwissen als der Wahrheit letzten Schluss kundtun; während versucht wird, den Verteidigungsminister zu beschädigen, schreibt Marc Lindemann Wahrheiten. Er schreibt bissig! Er schreibt über deutsche Politik und das Versagen deutscher Bürokraten.
Er schreibt über deutsche Soldaten, die zwischen “Baum und Borke” sind. Er schreibt über mangelhafte Ausrüstung, ausufernde Bürokratie und gibt eine eigene, sehr wirklichsnahe Einschätzung der Lage.
Das Buch sollte Pflichtlektüre für alle Politiker werden! Weitere Pflichtlektüre ist aus dem Foto zu entnehmen!
Ausgezeichnete Arbeit, Herr Lindemann!
PS:
siehe auch: Handelsblatt 23.1.2010



Herr Lindemann hat sich nach Ende seine Studiums freiwillig ein zweites Mal für eine halbjährige Stippvisite in Afghanistan verpflichtet und bezeichnet seine Intention dazu selber als eher von Abenteuerlust geprägt. Ein weiteres Mal wird er sich sicherlich nicht verpflichten, egal ob das nun daran liegt, dass ihm das Pflaster beim zweiten Besuch unerwartet zu heiß geworden ist (der erste Besuch war ja eher von Sightseeing geprägt) oder daran, dass er der politischen und militärischen Führung ans Bein gepinkelt hat und die ihn deshalb nicht mehr haben wollen wird.
Dazu kommt sicher, dass die Hand, die er nun beißt (nicht nur Verwaltung und militärische Führung der Bw, sowie die versammelte politische Elite in Berlin, sondern gleich auch noch alle zivile Entwicklungshelfer, Passanten auf der Strasse, etc.), ihn bisher gut gefüttert hat. Ist doch Politologie eine eher brotlose Kunst und das bringt einen Bewohner unseres wirtschaftlich schwächsten Bundeslandes nicht unerwartet zu der Überlegung, dass eine halbes Jahr Afghanistan attraktiver als eine Hartz4-Karriere ist.
Die Reaktion der meisten Rezensenten (bei http://www.unterbeschuss.de zitiert!) ist nicht unerwartet, fehlt diesem Rundumschlag doch sowohl der konstruktive Gegenentwurf als auch die die politische und militärische Erfahrung, um mehr zu sein als der Versuch, die undifferenzierte “Wut im Bauch” in ein Autorenhonorar umzuwandeln.
Bedauerlich ist es allerdings, wenn so ein “Jammern auf hohem Niveau” auch noch Zuspruch lediglich aufgrund seines Inhalts erfährt.
Tatsächlich ist die “Schreibe” akzeptabel und das Buch insofern leichter lesbar als so manche, inhaltlich deutlich fundiertere Abhandlung zu militärischer Konfliktbewältigung und Krisenintervention. Allerdings spätestens nach den ersten 10 Seiten klar, in welche Richtung die Polemik geht und in dem Ton bleibt sich der Autor dann bis zum Schluss treu.
Es ist hier nicht der Platz, die vielen Punkte aufzulisten, in denen sich der Autor selbst innerhalb des Buches widerspricht, aber er liefert unfreiwillig genügend Munition, um selbst überzeugte Anhänger militärischer Lösungen zum Zweifeln zu bringen. Jedenfalls: Über den Sinn und Zweck von militärischen Aktionen wie in Afghanistan oder Bosnien kann man auch auf qualifizierterem Niveau unterschiedlicher Meinung sein. Dasselbe gilt für seine Waffenkenntnisse – da sei es tatsächlichen Spezialisten überlassen, den Sinn und Unsinn des Einsatzes eines Leo gegen automatisierte BM1-Raketenabschüsse zu erläutern.
Wirklich neue Fakten bringt Lindemann übrigens nicht. Zumindest nicht für den durchschnittlich interessierten Internet-Rechercheur und Leser bzw. Zuschauer der einschlägigen Presse und TV-Magazine. Seine eigenen Fähigkeiten als Nachrichtenoffizier zur Aufklärung waren wohl auch durch sein geringes Interesse an Land und Leuten begrenzt und wenn er über andere Fachgebiete schreibt, dann ist das offensichtliches Hörensagen sowie frei zugängliche Quelle im Internet. Vermutlich kann man ihm dies nicht mal zum Vorwurf machen, weil er Angst haben müßte, des Geheimnisverrats bezichtigt zu werden – und das ist teuer.
Summa summarum: Die 20 EUR für das Buch kann man sicher sinnvoller anlegen, zumal man Lindemanns eher unausgegorenen Meinungssalat in den diesen Wochen zur Genüge in diversen Interviews und Rezensionen um die Ohren gehauen bekommt. Für Freunde des Militärischen ist der oben genannte Clausewitz sicher eine profitablere, weil fundierte Investition – Lindemann sind diese Fußstapfen nicht nur ein Nummer zu groß.
Kontroverse Diskussion. Dennoch vielen Dank für Ihren Beitrag!
Es geht im Kern der Sache darum, dass unbedarften Politikern aufgezeigt wird, wo es klemmt. Auch wenn bei Lindemann der Frust durchkommt, ändert das nichts daran, dass er selbst vor Ort war und erlebt hat, was deutsche Bürokratie im Kampfeinsatz bedeutet. Ich bleibe dabei, das Buch zur Pflichtlektüre unserer Politiker zu erklären.